© 2005 www.tuebingen.de | Lokal-globale Partner: Bericht aus den Tübinger Blättern 2007Der folgende Bericht Reinold Hermanns erschien in den Tübinger Blättern 2007 (Hrsg. Bürger- und Verkehrsverein Tübingen)
Lokal-globale Partner - Tübingen und Villa el Salvador Man erreicht den Ort heute nach einer einstündigen Autofahrt vom Flughafen Lima. Irgendwann kommt eine Abzweigung von der Straße Richtung Süden und dann nach einer Weile das Ortsschild: „Villa el Salvador“.
Stadt in der Wüste Schon in den 50er und 60er Jahren zogen Migranten aus dem Andenhochland in den Distrikt Lima-Stadt. In den 60er und 70er Jahren verstärkte sich die Migration: zunehmende Armut, Furcht vor Erdbeben und vor Terror und Gewalt ließen die Landflucht zur Massenbewegung anwachsen. Es kam zu wilden Landbesetzungen und zum unkontrollierten Anwachsen der Elendsviertel rings um Lima. Unter dem Druck der Ereignisse beschloss die damalige zentralistische Militärregierung, einen Teil des Landes im Süden der Metropole systematisch aufzuteilen und den Siedlern zur Verfügung zu stellen. Dabei gliederte man das Areal in verschiedene Zonen auf – für Handel, Landwirtschaft, Industrie und Wohnen. Die Wohnzone wurde wiederum in Sektoren, Untersektoren, Wohnviertel und einzelne Grundstücke unterteilt - ein modules Siedlungssystem, ausgelegt für 150.000 Menschen; ein Versuch, die wilde Migration in den Griff zu kriegen.
„Stadt des Erlösers“, so nannte sich dieser Stadtteil Limas, der bald auch als „Stadt der Hoffnung“ von sich reden machte. Im Jahr 1983 als eigener, selbstverwalteter Stadtdistrikt anerkannt, wurde Villa vier Jahre darauf von den Vereinten Nationen der Titel „Botschafterin des Friedens“ verliehen.
Heute, über 35 Jahre später, kann man die Chronik von Villa el Salvador im Internet nachlesen. Die Lektüre offenbart auch den berechtigten Stolz auf jene Pioniere aus den Anden, die auf dem Wüstensand ein funktionierendes Gemeinwesen errichtet haben. Fotos dokumentieren die Anfänge damals und die Situation heute. Damals: Ödland, Sand, ein paar Schilfmatten, Zeltplanen und Holzlatten, das Häuflein der Siedler, kein Wasser, kein Licht. Heute: immer noch Ödland, aber bebaut, mit Häusern, Sträuchern, kleinen Bäumen und Straßen. Und mit städtischer Selbstverwaltung, mit einem Gesundheitswesen samt Ernährungs- und Hygieneberatung, mit Schul- und Bildungswesen, einer technischen Universität, einem in ganz Lima bekannten Industrie- und Gewerbepark sowie einem Kommunikationszentrum mit eigenem Radio- und Fernsehsender. Vom anfänglichen Elendsviertel hat sich Villa zu einem in der gesamten Dritten Welt beachteten Modellstadt entwickelt. Gleichwohl gibt es noch viele Probleme in Villa mit seiner inzwischen fast halben Million Einwohner, von denen über die Hälfte unter dreißig ist. Ein Viertel der Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze, nicht alle haben Wasseranschluss, zu Villas Alltag gehören auch Arbeitslosigkeit und Kriminalität.
Hilfe auch aus Tübingen Ganz ohne (Entwicklungs-)Hilfe von außen ging und geht es nicht. Überall in der Welt fanden sich Unterstützer des Lebensmodells. So auch in Tübingen, dessen Peru-Arbeitskreis um Walter Schwenninger und Nani Mosquera die Partnerschaft mit Villa in erster Linie zu verdanken ist.
Im Lauf der letzten Jahrzehnte regte man eine Reihe von Hilfsprojekten an. Darunter: ein von der Stadt Tübingen gefördertes Jugendschreinereiprojekt, Ausstellungen über Leben und Alltag in Villa, Studien- und Begegnungsreisen, Benefizkonzerte und entwicklungspolitische Workshops. Hervorzuheben ist die langjährige Partnerschaft zwischen dem Uhland-Gymnasium und Villas vom pädagogischen Konzept Paolo Freires geprägte Partnerschule „Fé y Alegria“.
Aus der jahrzehntelangen Projektpartnerschaft wurde nun, mit Wirkung des von Villas Bürgermeister Jaime Zea Usca und Tübingens Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer am 23. September unterzeichneten Vertrags, eine reguläre Städtepartnerschaft. Für Tübingen ist es mittlerweile die zehnte, für Villa el Salvador die vierte; Tübingens Vorgänger dort sind das französische Rezé, das spanische Santa Coloma de Grámanet und das niederländische Amstelveen.
Autor: Reinold Hermanns Quelle: Tübinger Blätter 2007, Hrsg. Bürger- und Verkehrsverein Tübingen |