© 2005 www.tuebingen.de | Weihbischof im Tübinger Rathaus"Nikolaus und Kinder gehören zusammen wie Tübingen und Schokolade", erklärte Weihbischof Renz zuvor in einem Gespräch gegenüber der Presse. Das solle jedoch den Blick nicht verstellen auf diejenigen, die nicht auf der Schokoladenseite des Lebens stehen. Er verwies darauf, dass in Deutschland rund 1,9 Mio. Kinder von Sozialhilfe oder Sozialgeld leben. Das ist jedes sechste Kind unter 14 Jahren. Was das konkret bedeutet, führte der Weihbischof ebenfalls aus: Für Essen stehen pro Tag 2,40 Euro zur Verfügung, für Spielzeug können gerade noch 0,76 Euro im Monat ausgegeben werden. "Armut muss zu unser aller Thema werden", resümierte der Bischof.
Der Erste Bürgermeister Michael Lucke ging auf die Ursachen der Armut ein. Er verwies zum einen auf die Armut der öffentlichen Hand, der bei sinkenden Einnahmen immer mehr Aufgaben aufgebürdet würden. Die extreme Reduzierung der Sozialleistungen tue ein Übriges, hinzu käme der drastische Rückgang der Reallöhne gerade im unteren Bereich.
Sozial benachteiligte Kinder entwickeln regelrechte Armutskarrieren mit verheerenden Folgen für die Kinder selber und für die gesamte Gesellschaft. "Die fehlenden Bildungschancen führen dazu, dass wichtige Potenziale der Kinder und Jugendlichen verloren gehen", erklärte der Bürgermeister. "Armut ist in Deutschland erblich." Deutschland habe wegen seiner Familienverarmung und Bildungsverarmung unter den Industrienationen eine negative Spitzenstellung, so Lucke weiter. Vor diesem Hintergrund ergeben die Aktivitäten der Stadt ein Gesamtbild mit der erklärten Zielrichtung, die Kinderarmut zu bekämpfen:
Essen in der Schulmensa aus biologischem Anbau zu tragbaren Preisen: Kein Kind soll vom Essen ausgeschlossen bleiben, nur weil es sich das nicht leisten kann. Ziel der Verwaltung ist es, das Mensaessen an Kinder aus armen Familien für einen Euro auszugeben.
Spiel- und Bewegungsflächen für Kinder und Jugendliche sollen neu geschaffen und Vorhandene wieder instand gesetzt werden.
Ausbau der Ganztagesschulen für eine gerechte die Chance auf Bildung. Das eröffnet sozial benachteiligten Kindern die Chance auf zukunftsträchtige und gut bezahlte Ausbildungen und Arbeitsplätze. Ziel ist es, von Ganztagesbetreuung zu Ganztagesschulen kommen. "Anstelle ehrenamtlicher Jugendbegleiter brauchen wir hauptamtliche Pädagogen", so Lucke.
Ausbau der Kinderbetreuung, damit schon in frühesten Stadium Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten abgebaut werden können. Bundesweit sollen 35 Prozent der ein- bis zweijährigen einen Betreuungsplatz erhalten – das Tübinger Ziel liegt bei 50 Prozent bis 2013.
Kostengünstiger Wohnraum für sozial Benachteiligte: Die Initiative der Innenentwicklung in Tübingen soll auch diesen Personenkreis berücksichtigen.
Unterstützung von Aktivitäten, die Kinderarmut bekämpfen. Dazu gehören die Aktion Sahnehäubchen, der Tafelladen und euine Reihe von Jugendhilfeprojekten.
Bereits heute gibt die Universitätsstadt Tübingen rund 40 Prozent der verfügbaren Steuermittel für den Bereich Bildung – Betreuung – Erziehung aus. Dies wird sich in den nächsten Jahren noch wesentlich erhöhen, so Lucke: "Ohne einen Paradigmenwechsel bei der Bildung werden wir keine wesentlichen Verbesserungen im Kampf gegen die Verarmung hinbekommen. Vermeidung von Kinderarmut heute ist Vorbeugung gegen Arbeitskräftemangel morgen. Das bedeutet Schaffung von Kaufkraft von morgen und die Sicherung unseres Rentensystems von übermorgen. Was wir heute an unseren Kindern einsparen, würde uns sonst in naher Zukunft bei unseren sozialen Sicherungssystemen um die Ohren fliegen. Und deshalb ist Beseitigung von Kinderarmut nicht nur ein Akt der Barmherzigkeit sondern gesellschaftliche Notwendigkeit". |