Ankäufe nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat der damalige Kulturamtsleiter Dr. Rudolf Huber eine städtische Kunstsammlung aufgebaut. Anfang der 1950er-Jahre kaufte er vor allem expressionistische Grafik des 19. und 20. Jahrhunderts sowie hochwertige, mittelalterliche und barocke Kunst zu teils sehr günstigen Preisen an – insgesamt 216 Objekte.

Verdächtige Herkunft

Viele Personen aus dem Kunsthandel, von denen Huber angekauft hatte, sind laut der Datenbank „Lost Art“ am Kunstraub der Nationalsozialisten beteiligt gewesen. Dazu gehören:

  • das Stuttgarter Kunstkabinett Ketterer, das von Roman Norbert Ketterer und dem Kunsthistoriker Dr. Wilhelm Rüdiger gegründet wurde. Letzterer war im NS-Kunstbetrieb aktiv und wurde 1945 als Hauptbelasteter eingestuft.
  • das Kunstkabinett Klihm, dessen Eigentümer Dr. Hans Helmut Klihm ein Mitarbeiter Hans Posses war. Hans Posse war langjähriger Direktor der Dresdner Gemäldegalerie und seit 1939 als Leiter des „Sonderauftrags Linz“ mit dem Aufbau eines „Führermuseums“ betraut.
  • der Kunsthändler Adolf Weinmüller in München. Während der Zeit der nationalsozialistischen Regierung hatte er eine Monopolstellung im Münchner Auktionswesen und verkaufte viele beschlagnahmte und geraubte Kunstwerke.

Insgesamt 174 Grafiken und Skulpturen wurden im Kunstkabinett Ketterer in Stuttgart angekauft. Hier gaben die Werkverzeichnisse der Künstler, die Auktionskataloge und weitere Quellen zum Teil bereits Aufschluss über die Vorbesitzer.

Außerdem sichtete die Provenienzforscherin Dr. Andrea Richter die Vorder- und Rückseiten der Kunstwerke. Dabei stellte sich heraus, dass sieben Werke der städtischen Sammlung aus der sogenannten Beschlagnahmungsaktion „Entartete Kunst“ von 1937 stammen. Weitere sieben Werke können als unbedenklich gelten. Oft gibt es allerdings keine Hinweise mehr auf den oder die Vorbesitzer.

Deshalb hat das Stadtmuseum Kontakt zu den Nachfahren von Roman Norbert Ketterer in Wichtrach/Schweiz aufgenommen. Dr. Wolfgang Henze, Schwiegersohn Ketterers, hat sich sofort zur Zusammenarbeit bereiterklärt. Aufgrund seines Entgegenkommens liegen nun an die hundert Einlieferernamen vor, denen sukzessive nachgegangen wird. Nur bei wenigen Werken wird dies allerdings ausreichen, um die Verdachtslage klären zu können.

„Entartete Kunst“

Im Bestand des Stadtmuseums Tübingen befinden sich sieben Grafiken, die 1937 als „entartete Kunst“ beschlagnahmt wurden. Damals hatten die Nationalsozialisten moderne Gemälde, Grafiken und Plastiken sowie Werke jüdischer Künstler oder zu jüdischen Themen aus den öffentlichen Einrichtungen entfernt. Ein großer Teil sollte zur Devisenbeschaffung ins Ausland verkauft werden. Damit wurden vier Kunsthändler betraut: Hildebrand Gurlitt in München, Ferdinand Möller und Karl Buchholz in Berlin sowie Bernhard Alois Boehmer in Güstrow. Sie haben allerdings auch Werke zurückbehalten, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf den Kunstmarkt gelangten.

Die Werke – sechs Druckgrafiken von Georg Schrimpf, Lyonel Feininger, Max Pechstein und Oskar Kokoschka sowie eine Zeichnung von Emil Nolde – kamen aus dem Nachlass des Kunsthändlers Boehmer nach Tübingen. Dr. Andrea Richter hat die Museen, denen die Werke ursprünglich gehörten, über deren Verbleib informiert. Die Grafiken verbleiben im Stadtmuseum, weil sie nach gültiger Rechtsprechung nicht zurückgefordert werden können. Zur städtischen Sammlung gehörten Richters Recherchen zufolge zudem zwei weitere Grafiken von Otto Müller und Max Pechstein, die ebenfalls als „entartete Kunst“ beschlagnahmt worden waren. Sie wurden allerdings 2002 aus dem Stadtmuseum gestohlen.

Tuschpinselzeichnung „Mit Garben beladener Wagen“ von Emil Nolde, um 1910, ehemals aus der Städtischen Bildergalerie Mönchengladbach. Das Werk wurde 1937 im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ aus dem Museum beschlagnahmt. Über den Nachlass des Kunsthändlers Bernhard A. Böhmer gelangte es 1952 wieder in den Kunsthandel. Rudolf Huber ersteigerte es im Stuttgarter Kunstkabinett Ketterer für die städtische Sammlung. Bild: Stadtmuseum TübingenHolzschnitt „Kähne“ von Max Pechstein, 1912, ehemals aus dem Kupferstichkabinett Berlin. Das Werk wurde 1937 im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt. Über den Nachlass des Kunsthändlers Bernhard A. Böhmer gelangte es 1952 wieder in den Kunsthandel. Rudolf Huber ersteigerte es im Stuttgarter Kunstkabinett Ketterer für die städtische Sammlung. Bild: Stadtmuseum TübingenHolzschnitt „Pferde IV“ von Georg Schrimpf, 1917, ehemals aus der Städtischen Kunsthalle Mannheim. Das Werk wurde 1937 im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ aus dem Museum beschlagnahmt. Über den Nachlass des Kunsthändlers Bernhard A. Böhmer gelangte es 1952 wieder in den Kunsthandel. Rudolf Huber ersteigerte es im Stuttgarter Kunstkabinett Ketterer für die städtische Sammlung. Bild: Stadtmuseum TübingenHolzschnitt „Vulkan“ von Lyonel Feininger, 1919, ehemals aus den Staatlichen Kunstsammlungen Weimar. Das Werk wurde 1937 im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt. Über den Nachlass des Kunsthändlers Bernhard A. Böhmer gelangte es 1952 wieder in den Kunsthandel. Rudolf Huber ersteigerte es im Stuttgarter Kunstkabinett Ketterer für die städtische Sammlung. Bild: Stadtmuseum Tübingen

Aufschlussreiche Stempel und Widmungen

Stempel vorheriger Besitzer und Widmungen des Künstlers können Aufschluss über die Herkunft eines Kunstwerks geben. Zwölf Grafiken, die in den 1950er-Jahren in die städtische Sammlung kamen, sind mit dem Stempel der Vorbesitzer markiert. Sieben davon können als unbedenklich gelten, darunter eine Radierung von Reinhold Nägele. Bei vier Grafiken ließ eine Widmung auf den Vorbesitzer schließen. Dazu gehören eine Grafik von Oskar Kokoschka aus der Sammlung von Dr. Hans Posse und eine Grafik von Ernst Ludwig Kirchner aus der Sammlung Dr. Frédéric Bauer. Beide Werke können als unbedenklich gelten. Bei den restlichen Grafiken bleibt der Status vorerst unklar.

Radierung „Vorfrühling, Schlierbach, 1920“ von Reinhold Nägele, ehemals aus der Sammlung von Dr. Julius Baum in Stuttgart. Der Eingang des Blattes in dessen Sammlung 1922 ist über den Sammlerstempel belegt. Zwischen 1933 und 1945 ist kein Besitzerwechsel zu verzeichnen, deshalb ist das Werk verdachtsfrei. Es wurde 1954 direkt von Julius Baum angekauft. Bild: Stadtmuseum TübingenKreide-Lithografie „Die Verkündigung an Maria“ von Oskar Kokoschka, 1913, ehemals aus der Sammlung von Dr. Hans Posse. Posse war zuständig für das Hitler-Museum in Linz, aber auch selbst Sammler und ein Freund Kokoschkas in Dresden. Die Widmung „Für die liebe Excellenz Dr. Hans Posse“ besagt, dass Kokoschka das Blatt Posse schenkte. Nach dessen Tod 1942 ging es in den Besitz seiner Frau über, die es nach 1945 verkaufte. Bild: Stadtmuseum TübingenKaltnadel-Radierung „Bauer und Tiere“ von Ernst Ludwig Kirchner, 1923, ehemals aus der Sammlung von Dr. Frédéric Bauer, Davos/Zürich. Der Eingang des Blattes in dessen Sammlung 1923 ist über eine Widmung Kirchners auf der Vorderseite belegt. Zwischen 1933 und 1945 ist kein Besitzerwechsel zu verzeichnen, deshalb ist das Blatt verdachtsfrei. Es wurde 1952 im Kunstkabinett Ketterer in Stuttgart angekauft. Bild: Stadtmuseum Tübingen

Eine weitere Widmung identifizierte ein Blatt von Max Liebermann aus der Sammlung des jüdischen Sammlers und Kaufmanns Max Braunthal in Frankfurt. Hierzu nahm Dr. Andrea Richter Kontakt zum Projekt „Provenienzrecherche Gurlitt“ – der ehemaligen „Schwabinger Kunstfund Taskforce“ –  auf, weil die Forscher einer ähnlichen Widmung auf einer Zeichnung Liebermanns nachgehen. Noch ist offen, ob es sich bei dem Blatt um Raubkunst handelt, weil noch nicht geklärt werden konnte, zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Umständen Max Braunthal es verkauft hatte.

Herkunft bleibt oft unklar

Dass sich der Vorbesitzer eines Kunstwerks und die Umstände des Ankaufs lückenlos rekonstruieren lassen, ist selten. Oft ist eine längere Suche nach den Lebensdaten und -umständen der Sammler nötig. Bei 28 Grafiken, die unter Kulturamtsleiter Rudolf Huber ins Stadtmuseum kamen, ist der Fall allerdings klar: Die Werke sind erst nach 1945 entstanden und daher verdachtsfrei. Zu 115 Grafiken, die bei Ketterer angekauft wurden, gibt es keine Hinweise auf den oder die Vorbesitzer und damit auch keine Möglichkeit, einen NS-Raub gänzlich auszuschließen.

Aus dem Auktionshaus von Adolf Weinmüller in München kamen neun Objekte nach Tübingen. Bei einem ist die Herkunft geklärt, es ist verdachtsfrei. Es handelt sich um das Gemälde „Christus am Ölberg“ von einem schwäbischen Meister, entstanden um 1490. Das Werk stammt ehemals aus der Sammlung von Dekan Dr. Johann Georg Martin Dursch in Rottweil. Es wurde seit 1926/1927 als Leihgabe von Friedrich Geiger, Neu-Ulm, im Ulmer Museum gezeigt. In den 1950er-Jahren ging es als Erbschaft zurück in Privatbesitz. Zwischen 1933 und 1945 gab es keinen Besitzerwechsel. 1954 ersteigerte Dr. Rudolf Huber das Gemälde auf der Auktion des Kunstversteigerungshaus Adolf Weinmüller und Zinckgraf in München.

Zu den anderen Objekten aus dem Auktionshaus Weinmüller recherchierte Dr. Andrea Richter in den Unterlagen Weinmüllers in den Bundesarchiven in Koblenz und in Berlin, bisher allerdings ohne Erfolg.