Judaica

Judaica sind kunsthandwerkliche Gegenstände und sakrale Objekte jüdischen Ursprungs. Ihnen kommt in der Provenienzforschung besondere Beachtung zu, weil hier eine Veräußerung unter Zwang naheliegt. Folgende Judaica konnten in der Sammlung des Tübinger Stadtmuseums ausfindig gemacht werden:

Diese Standrolle einer Thorascheibe mit Inschrift wurde 2011 an die Nachfahren des Stifters restituiert. Bild: Stadtmuseum TübingenDas jüdische Kalenderbuch stammt wahrscheinlich aus der Handbibliothek einer jüdischen Gemeinde oder Schule. Es wurde 1988 von einem Pforzheimer Antiquariat angekauft. Bild: Stadtmuseum TübingenDieses gewebte jüdische Tuch aus Wolle und Baumwolle hat das Stadtmuseum 1994 als Geschenk von Ilse Michel, der Witwe von Professor Otto Michel, erhalten. Bild: Stadtmuseum Tübingen

Thorascheibe

1994 bekam das Stadtmuseum eine Thorascheibe geschenkt – dabei handelt es sich um die Standscheibe für die Halterung einer Thorarolle. 2011 stellte das Stadtmuseum die Thorascheibe mit dem Verdacht auf Raub in die Datenbank „Lost Art“ ein. Das ist eine wichtige Suchplattform für Erben jüdischer Eigentümer, denen Objekte während der Zeit des Nationalsozialismus geraubt wurden. Auf diese Weise konnten die Nachfahren des Stifters der Thorarolle gefunden werden. Die Thorascheibe wurde bei einem öffentlichen Festakt in Tübingen zurückgeben. Davon ausgehend stellte sich die Frage, ob es im Museumsbestand weitere Gegenstände gibt, die aus NS-Raubgut stammen.

Jüdisches Kalenderbuch

Im Laufe ihrer Recherchen ist Dr. Andrea Richter auf das Buch „Vergleichende Datum-Tabellen auf 216 Jahre des jüdischen und allg. bürgerlichen Kalenders“ von 1885 gestoßen. Der Rabbiner Salomon W. Freund hatte die Kalenderdaten berechnet und 1885 in Wien herausgegeben. Das Buch diente zur Erstellung von jüdischen Jahrzeittafeln. Das sind Erinnerungsblätter an Verstorbene, die Gedenktage für die nächsten Jahrzehnte enthalten. Die Tabellen halfen auch bei der Umrechnung hebräischer Jahreszahlen auf Grabsteinen.

Der damalige Kulturamtsleiter Wilfried Setzler hatte das Buch 1988 für die Ausstellung „Spuren jüdischen Lebens in Tübingen“ und für Recherchen zum jüdischen Friedhof in Wankheim erworben. Ursprünglich war es im Besitz eines jüdischen Gelehrten. Es gibt aber keine Hinweise auf die Vorbesitzer. Wegen des Verdachts auf NS-Raubgut hat das Stadtmuseum das Buch im Oktober 2015 in die Datenbank „Lost Art“ eingestellt.

Fundamentstein der Tübinger Synagoge

Im Bestand der Sammlung wurde auch ein Fundamentstein der ehemaligen Tübinger Synagoge gefunden. Der Stein gelangte 2005 über ein Missverständnis unrechtmäßig in den Besitz des Museums. Der rechtmäßige Eigentümer konnte ermittelt werden, der Fundamentstein wurde Anfang 2016 zurückgegeben.

Tuch mit Inschrift

Ein gewebtes Tuch aus Wolle und Baumwolle mit Inschrift aus den 1920er-Jahren bekam das Stadtmuseum 1994 zusammen mit der Thorascheibe geschenkt. Es konnte als Dankesgabe der Gesellschaft der Zionsfreunde identifiziert werden. Diese Bewegung war in Osteuropa verbreitet und unterstützte Auswanderer nach Palästina. Wie das Tuch nach Tübingen kam, ist nicht geklärt. Nach der Plünderung der hiesigen Synagoge sollen benachbarte Bürgerinnen und Bürger das Tuch aus dem Neckar geborgen und aufbewahrt haben. Nachdem der evangelische Theologie-Professor Otto Michel im Jahr 1957 das Institutum Judaicum in Tübingen gegründet hatte, haben sie ihm das Tuch übergeben.

Da weitere Anhaltspunkte zu Vorbesitzern fehlen und solche Tücher eher in Osteuropa verbreitet waren, besteht auch hier der Verdacht auf NS-Raubgut. Deshalb hat das Stadtmuseum das Tuch ebenfalls in die Datenbank „Lost Art“ eingestellt. Anfragen bei jüdischen Museen und Institutionen in Deutschland, Polen, den USA und Israel haben ergeben, dass es solche Tücher auch in Sammlungen in New York und Jerusalem sowie in diversen Privatsammlungen gibt. Sie stammen zum Teil aus dem Central Collecting Point Wiesbaden und scheinen damit einen Raub zu bestätigen. Möglicherweise kann das Tuch an die rechtliche Nachfolgerin der jüdischen Tübinger Gemeinde – die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg in Stuttgart – zurückgegeben werden.

Weitere Informationen
Forschungsbericht zum jüdischen Tuch