Restitutionen

Kölner Goldwaage

Schon bei Stichproben im Mai 2015 wurde die Provenienzforscherin Dr. Andrea Richter auf eine kleine Kölner Goldwaage aufmerksam. Sie war um 1750 aus Birnenbaumholz, Messing, Stahl und Kordeln gefertigt worden und gehörte einst dem Tübinger Adolf Dessauer. Die Umstände des Verkaufs für gerade einmal zehn Reichsmark am 11. Januar 1939 sind nicht mehr in Gänze rekonstruierbar. Das als Familienerbstück einzustufende Objekt hätte zu diesem Zeitpunkt noch an Familienmitglieder in Tübingen oder Stuttgart übertragen werden können. Daher wird angenommen, dass die Waage unter Druck veräußert wurde. Die Stadt hat sich daher entschlossen, die Waage den Nachfahren Adolf Dessauers zurückzugeben.

Die heutigen Erben von Adolf Dessauer konnten mithilfe der Wiedergutmachungsakten der 1950er/1960er-Jahre sowie mit Hilfe des Konsulats der Botschaft Israels in Berlin gefunden und informiert werden. Es handelt sich um drei Urenkel von Adolf Dessauer. Sie stammen von verschiedenen Töchtern Dessauers ab. Die Erben haben darum gebeten, namentlich nicht genannt zu werden und wünschen keine Öffentlichkeit. Die Übergabe der Goldwaage fand am 7. November 2017 in kleinem Rahmen im Rathaus statt.

Als Dank brachten die Erben ihrerseits ein Geschenk mit, einen achtarmigen Leuchter, Chanukkia genannt. Er steht als Symbol für das jüdische Lichterfest. Mit der Übergabe der Waage verdeutlicht der Leuchter für die Erben auch den Weg aus der großen Finsternis der Vergangenheit in das Licht der Gegenwart.

Weitere Informationen
städtische Pressemitteilung vom 13. November 2017

Zwei Fernrohre

Ebenfalls aus dem Besitz Adolf Dessauers stammen zwei Fernrohre. Sie wurden mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bei der sogenannten „Freiwilligen Versteigerung“ des Nachlasses, die von Dessauers Tochter ausgerichtet wurde, erworben. Bisher sind die Fernrohre allerdings noch nicht in der Sammlung des Stadtmuseums gefunden worden. Sobald dies geschieht, sollen auch sie an Dessauers Erben zurückgegeben werden.

Manschettenknöpfe

Von Mathilde Sinner kamen noch 1948 ein Paar Manschettenknöpfe aus Elfenbein in die Sammlung, die ebenfalls einen Bezug zu Adolf Dessauer besitzen. Mathilde Sinner war die Tochter des bekannten Tübinger Fotografen Paul Sinner und lange bei der Vorgängerinstitution des Stadtmuseums, dem Kunst- und Altertumsverein Tübingen, tätig. Neben den Manschettenknöpfen hat sie viel aus ihrem eigenen Familienbesitz der Sammlung überlassen. Sie schien die Geschichte der Manschettenknöpfe gekannt zu haben, denn diese wurde auf einer alten Karteikarte notiert: Die Knöpfe aus Elfenbein wurden 1880 für den Hochzeitsanzug von Adolf Dessauer, mit dem Namensmonogramm L H (Lenchen Halle) angefertigt. Lenchen Halle hatte sie für ihren Bräutigam Adolf Dessauer in Auftrag gegeben. Mathilde Sinner hatte die Knöpfe vermutlich direkt von Adolf Dessauer oder aus seiner Familie erworben und dabei auch die Informationen zu den Objekten erhalten. Es wäre möglich, dass Frau Sinner die Knöpfe ebenfalls auf der "Freiwilligen Versteigerung" nach dem Tod von Adolf Dessauer gekauft hatte. Hierbei geht es um sehr persönliche Objekte, deren Übergabe an Nichtfamilienmitglieder ungewöhnlich erscheint. Trotz nicht aufklärbarer Umstände der Weitergabe, erscheint die Abgabe an Nichtfamilienmitglieder (wie Frau Sinner) daher als eher unter Druck geschehen. Auch die Knöpfe konnten bisher noch nicht in der Sammlung gefunden werden. Bei Fund der Knöpfe müssen auch sie restituiert werden.

Die Familie Dessauer

Die Brüder Adolf und Jakob Dessauer wurden in den 1850er Jahren in Wankheim geboren. Beide kamen Ende der 1870er Jahre mit ihren Eltern als Lehrlinge nach Tübingen, wo sie später gemeinsam ein Optikgeschäft unter dem Namen „Gebrüder Dessauer“ (in der Neckargasse 2) betrieben. Seit 1903 besaßen die Brüder Dessauer ein gemeinsames Wohnhaus in der Uhlandstr. 16. Jakob Dessauer starb bereits 1905. Adolf Dessauer bewohnte das Haus weiterhin zusammen mit seiner Familie und der seines Bruders bis ins Jahr 1939.

Adolf Dessauer lebte bis zu seinem Tod im Jahre 1939 in der Uhlandstraße, wenn zuletzt auch als einziger seiner Familie und nur noch zur Miete: Anfang 1939 musste er sein Haus verkaufen, weil jüdischen Mitbürgern der Grundbesitz verweigert war. Doch wurde Dessauer von den neuen Hausbesitzern das lebenslange Recht eingeräumt, eine Etage zur Miete zu bewohnen. Am 30. November 1939 dann verstarb Adolf Dessauer im Alter von 87 Jahren.

Er hatte die Pogromnacht im November 1938 noch miterleben müssen. Doch blieb ihm sowohl die eigene Deportation als auch der Tod vieler seiner Kinder erspart: Von seinen drei Töchtern und zwei Söhnen, die alle in Tübingen geboren waren, hat nur eine Tochter den Holocaust überlebt.

Buch zum Oberamt Tübingen

„Levi, Stuttgart“ ist zu einem Objekt vermerkt, welches das Stadtmuseum 1935 angekauft hatte. Hier ist der jüdische Nachname ein Indiz dafür, dass der Verkauf des Buches zum Oberamt Tübingen unter Zwang geschah. Recherchen in den Stuttgarter Archiven und die Suche nach einem Einlieferer namens „Rein, Stuttgart“ – ein Antiquar und Buchhändler – lassen darauf schließen, dass mit „Levi, Stuttgart“ eine damals bekannte Buchhandlung gemeint war. Recherchen im Einwohnerbuch der Stadt Stuttgart lassen zwei mögliche Geschäfte zu. Da das Buch selbst noch nicht in der städtischen Sammlung gefunden werden konnte, ist diese Recherche noch nicht abgeschlossen. Sollte das Buch gefunden und eindeutig zugeordnet werden, wird es restitutiert.