Ein Vater neuer Zeit

Reuchlin, die Juden und die Reformation

28. Oktober 2017 bis 18. Februar 2018
Erdgeschoss

Johannes Reuchlin (1455-1522) gilt als einer der großen europäischen Denker am Vorabend der Reformation. Sein Leben und Werk sind eng mit Tübingen verbunden. Im Jahr des Reformationsjubiläums zeigt das Stadtmuseum die Sonderausstellung „Ein Vater neuer Zeit – Reuchlin, die Juden und die Reformation“, die in Kooperation mit dem Deutschen Seminar der Universität Tübingen entstanden ist.

„Die Ausstellung verbindet das Schaffen Reuchlins mit seiner Epoche: Es geht um seine Publikationen und Positionierungen, aber auch um die kulturgeschichtlichen Rahmenbedingungen am Vorabend der Reformation. Die Vielzahl von Reuchlins Schriften und Büchern verdeutlicht das Spek­trum seines intellektuellen Schaffens und seine enorme religiöse, politische und gesellschaftliche Bedeutung“, erläutert die Kuratorin Dr. Evamarie Blattner.

Die Ausstellung zum Reformationsjubiläum wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Es erscheint ein umfangreicher Begleitband. Zum Rahmenprogramm gehören Vorträge, Führungen und Themenabende im Stadtmuseum.

Weltoffener Jurist und Lehrer
Johannes Reuchlin wurde am 29. Januar 1455 in Pforzheim geboren und studierte bis 1477 Grammatik, Philosophie und Rhetorik in Freiburg und Basel. Anschließend ging er nach Frankreich und studierte römisches Recht in Orléans und Poitiers. Sein erstes Lehramt für Poetik führte ihn erstmals an die Tübinger Universität. Bereits ab 1483 stand er in den Diensten Graf Eberhards im Bart. Als Rat wurde Reuchlin mit wichtigen Missionen betraut, die ihn nach Aachen und Italien führten, wo er Zugang zum Kreis der Florentiner Neuplatoniker erhielt. 1502 wurde Reuchlin zum Richter des Schwäbischen Bundes mit Sitz in Tübingen bestellt. 1519 folgte er dem Ruf auf eine Professur für Griechisch und Hebräisch nach Ingolstadt, kehrt jedoch bereits 1521 nach Tübingen zurück, wo er bis zu seinem Tod ebenfalls den Lehrstuhl für Griechisch und Hebräisch innehatte. Johannes Reuchlin starb am 30. Juni 1522 in Stuttgart.

Reuchlin und die Reformation
Wie kaum ein anderer deutscher Humanist repräsentiert Johannes Reuchlin den Zusammenhang von Renaissance und Reformation. Als „ein Vater neuer Zeit“ prägte er das europäische Geistesleben mit zahlreichen Schriften. In Tübingen war seine Wirkung zunächst deutlicher zu spüren als die weit entfernten ersten reformatorischen Auseinandersetzungen im Jahr des Thesenanschlags 1517. Denn in Tübingen und Württemberg wurde die reformatorische Lehre erst 1534 bindend. Im Gegensatz zu Martin Luther steht Reuchlin für einen offeneren Umgang mit Andersgläubigen.

Inhalte der Ausstellung
Im Fokus der Ausstellung stehen Reuchlins zahlreichen Drucke, die große Verbreitung fanden. Die Bandbreite seiner Publikationen ist groß: Er gilt als Experte der lateinischen und griechischen Sprache und war sich schon früh der Bedeutung des Hebräischen für das Verständnis des Alten Testaments bewusst. In vielen Büchern setzte er sich mit der hebräischen Sprache auseinander und versuchte, die jüdische Kabbala mit der christlichen Theologie zu verbinden. Reuchlin schrieb zwei Komödien, Gedichte, eine Predigtlehre und Bußpsalmen.

Der Judenbuchstreit
Große Bekanntschaft erlangte Johannes Reuchlin im sogenannten Judenbuchstreit. Dabei verteidigte er das jüdische Schriftgut, das andere Intellektuelle verbrannt wissen wollten. Mit seiner klaren Positionierung leistete er einen wichtigen Beitrag für den Dialog zwischen Juden und Christen und gilt bis heute als Wegbereiter der Toleranz.

Bildergalerie zur Ausstellung

Der Reuchlin-Löwe war an einem Haus in der Bursagasse angebracht, von dem man annahm, dass Reuchlin dort lebte. Er steht seit 2010 im Stadtmuseum Tübingen.

Bild: Anne FadenJohannes Reuchlin, Brief an Frater Crismann vom 13. April 1501, Stadtarchiv PforzheimJohannes Reuchlin, Brief an Frater Crismann vom 13. April 1501, Stadtarchiv Pforzheim.Johannes Reuchlin, Einblattdruck 1516.Titelblatt mit Brillensymbol zu Johannes Reuchlin: Der Augenspiegel, Tübingen 1511, Universitätsbibliothek Tübingen.