Abgestaubt!

Museumsschätze erzählen Geschichten

9. Februar bis 16. Juni 2019
Erdgeschoss, 2. Stock und 3. Stock

Erstmals stellt das Stadtmuseum seine Sammlung ins Zentrum der Aufmerksamkeit und schaut kritisch auf die eigene Geschichte zurück. Die Sonderausstellung „Abgestaubt! Museumsschätze erzählen Geschichten“ zeigt, wie das Tübinger Stadtmuseum zu seinen Sammlungsstücken kam. Dafür wurden mehr als 300 Objekte ausgewählt, die sonst im Depot schlummern. So spannt sich ein weiter Bogen von den Ursprüngen der städtischen Sammlung über das kleine Heimatmuseum im Theodor-Haering-Haus in den 1950er-Jahren bis zur Eröffnung des heutigen Museums 1991.

„Für diese breit angelegte Rückschau haben wir gleich drei Anlässe: Erstens blicken wir auf mittlerweile über 25 Jahre im Kornhaus zurück. Zweitens betreibt das Stadtmuseum seit vier Jahren Provenienzforschung. Das heißt, wir suchen ganz gezielt nach Raubkunst – also nach Kunstwerken und Objekten, welche die Nationalsozialisten den Eigentümern geraubt hatten. Und drittens stehen wir vor der grundlegenden Neukonzeption unserer Dauerausstellung zur Stadtgeschichte“, erläutert Wiebke Ratzeburg, die Leiterin des Tübinger Stadtmuseums.

Von Stadtfahne bis Olifant
Wie ein Kaleidoskop verdeutlicht die Ausstellung den Reichtum der städtischen Sammlung. Neben kostbaren und bekannten Exponaten wie Pokalen, Stadtansichten und Altertümern sind viele Alltagsgegenstände sowie Ausgegrabenes, Kurioses und Handwerkliches zu sehen. An ein dunkles Kapitel der Museumsgeschichte erinnert das Signalhorn aus Elfenbein, das ein Mitarbeiter 2002 gestohlen hatte. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg konnte den Olifanten später beschlagnahmen und sicherstellen. Ein Blickfang der Ausstellung ist die Fahne der Stadtgarde zu Pferd, die Herzog Ulrich der Tübinger Bürgerschaft als Dankeszeichen geschenkt hatte und die 2014 zum Jubiläum des Tübinger Vertrags wiederentdeckt wurde.

Quellen der städtischen Sammlung
Schon im Mittelalter hat Tübingen wertvolle Gegenstände sorgsam bewahrt. Diese „städtischen Altertümer“ bilden den Kern der mittlerweile auf über 50.000 Objekte angewachsenen Museumssammlung. Ihr Fokus liegt auf Dingen, die eng mit der Stadt und ihrer Geschichte verknüpft sind: weil sie in Tübingen entstanden sind oder hier verwendet wurden oder beides. Im 20. Jahrhundert kam die bürgerliche Sammlung des Kunst- und Altertumsvereins hinzu, und ab 1933 gelangten auch Kunstwerke und Objekte unklarer Herkunft in städtischen Besitz.

Tübinger Schätze und ihre Geschichte
„Jedes Objekt erzählt seine ganz eigene Geschichte, verrät viel von den Umständen seiner Entstehung und von den Gründen für den Erwerb durch die Stadt. Sehr oft lässt sich auch einiges über den Hersteller, den Vorbesitzer oder den Gebrauch eines Gegenstandes in Erfahrung bringen“, sagt die Provenienzforscherin Dr. Andrea Richter, die sich intensiv mit der Herkunft der Kunstwerke und Kulturgüter in der städtischen Sammlung beschäftigt. Die Ausstellung widmet sich auch den Ergebnissen ihrer Recherchen zu NS-Raubkunst.

Ergänzungen in der Dauerausstellung
In der stadtgeschichtlichen Dauerausstellung im zweiten und dritten Stock geht die Sonderausstellung weiter: Dort ausgestellte Objekte werden ergänzt um Informationen zu ihrer Herkunft und Geschichte. Zusätzliche Vitrinen zeigen weitere Sammlungsschwerpunkte und Aspekte der Stadtgeschichte, die bisher noch nicht zu sehen waren.

Katalog und Begleitprogramm
Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Begleitband. Er stellt besonders interessante und wertvolle, aber auch kuriose Einzelstücke der Sammlung vor. Außerdem kommen Personen zu Wort, die mit dem Sammeln und der Pflege im Tübinger Stadtmuseum betraut sind. Sie berichten von den konzeptionellen Überlegungen, die hinter den Ankäufen und Übernahmen in der wechselvollen Museumsgeschichte standen. Vorträge und Podiumsgespräche beschäftigen sich unter anderem mit dem bedrohten Kulturerbe und mit der Frage, wie Stücke aus Privatbesitz ins Museum kommen.

Führungen für Schulklassen
Für Grundschulklassen gibt es eine interaktive Führung (ca. 40 Minuten) mit einem Quiz (ca. 20 Minuten). Für weiterführende Schulung gibt es eine interaktive Führung (ca. 45 bis 60 Minuten). Jede Führung kostet 40 Euro. Schulen in Tübingen und im Landkreis Tübingen erhalten einen Zuschuss der Kreissparkasse von maximal 75 Euro und bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmittel zusätzlich bis maximal 50 Euro.

Tag der Provenienzforschung
Am 10. April 2019 findet erstmals der Tag der Provenienzforschung statt. Im Rahmen von Führungen, Präsentationen, Ausstellungen und anderen Aktionen geben mehr als 70 Kulturinstitutionen aktuelle Einblicke in Forschungen zur Herkunft von Sammlungen und Objekten. Mit den Fragestellungen und Methoden dieses Forschungsbereichs beschäftigt sich die Sonderausstellung ebenfalls.

Bildergalerie zur Ausstellung

Regenschirm, Anfang des 19.Jahrhunderts, 1940 ohne Angabe zum Vorbesitzer in die Sammlung gekommen.

Bild: Christoph Jäckle
Olifant, 1490-1530, Mitte des 19. Jahrhunderts aus der Sammlung von Christoph Friedrich Karl von Kölle erhalten, 2002 aus der Sammlung gestohlen, sollte im Auktionshaus Fritz Nagel in Stuttgart versteigert werden, konnte vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg beschlagnahmt und sichergestellt werden.

Bild: Peter NeumannHolzskulptur der Fortuna, sogenannter Versteigerungsleuchter, um 1745/50, vor 1782 als Schenkung erhalten von Stadthauptmann Johann Christoph Gottschick.

Bild: Christoph JäckleSilberpokal mit Deckel und Etui, 1877, 1877 als Geschenk erhalten von den in Tübingen lebenden Schweizern anlässlich des 400-jährigen Universitätsjubiläums.

Bild: Christoph JäckleGeorg Schrimpf, „Vier Pferde“ oder „Pferde IV“, 1917, Ankauf 1952 auf der 16. Kunst-Auktion im Stuttgarter Kunstkabinett Ketterer, stammt aus der Beschlagnahme-Aktion „Entartete Kunst“ von 1937.

Bild: Christoph JäckleEinblick ins Depot des Stadtmuseums im Theodor-Haering-Haus, Aufnahme von 2018.

Bild: Christoph Jäckle