Elternbefragung: Hoher Bedarf an Betreuungszeiten trifft auf angespannte Personalsituation
Pressemitteilung vom 29.04.2026
Die Stadtverwaltung und der Gesamtelternbeirat der Tübinger Kinderbetreuungseinrichtungen (GEB Kitas) haben eine gemeinsame Umfrage unter allen Eltern, deren Kinder Betreuungsangebote in Tübingen wahrnehmen, durchgeführt. Schwerpunkt der Umfrage war es, herauszufinden, wie die Eltern das aktuelle Angebot beurteilen und welche Bedarfe sie aktuell und für die Zukunft haben. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild: Der Wunsch nach erweiterten Öffnungszeiten in den Kindertageseinrichtungen ist signifikant höher als das derzeitige Angebot.
Die Umfrageergebnisse verdeutlichen den dringenden Wunsch der Eltern nach einer Abdeckung von Betreuungszeiten, insbesondere am Nachmittag. „Wir sehen diesen Bedarf und analysieren die Situation sehr genau. Angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels stehen wir jedoch vor komplexen Herausforderungen“, erklärt Sozialbürgermeisterin Dr. Gundula Schäfer-Vogel. „Jetzt sind kreative Ansätze und Ideen gefragt. Das bedeutet, dass wir intern prüfen, ob und unter welchen Rahmenbedingungen innovative Lösungen für die Randzeiten gefunden werden können. Gesetzliche Vorgaben und die Sicherung der Aufsichtspflicht setzen dabei durchaus Grenzen. Wir werden nur Ansätze verfolgen, die operativ umsetzbar sind und rechtssicher gestaltet werden können“, so Schäfer-Vogel weiter.
Der Gesamtelternbeirat, der die Befragung initiiert und maßgeblich mitgestaltet hat, betont die Dringlichkeit, langfristige Lösungen zu finden, erkennt aber die Realitäten an: „Die Befragung zeigt deutlich, dass sich viele Familien wieder mehr Verlässlichkeit bei den Betreuungszeiten wünschen. Beim genaueren Blick wird klar: Perspektivisch muss es das Ziel sein, den Zustand vor der strukturellen Öffnungszeitenreduzierung im Jahr 2023 wieder zu erreichen“, erklärt der Gesamtelternbeirat der Tübinger Kinderbetreuungseinrichtungen (GEB Kitas). „Für uns ist entscheidend, dass diese Ergebnisse nun spürbar in politische Entscheidungen von Gemeinderat und Verwaltung einfließen.“
Der Schlüssel für mehr Verlässlichkeit und langfristig auch für mögliche Erweiterungen der Betreuungszeiten liegt aus Sicht des GEB Kitas in der Gewinnung und Bindung von Fachkräften. „Ohne ausreichend Personal lassen sich weder Verlässlichkeit herstellen oder Qualität sichern noch Öffnungszeiten ausweiten. Hier sehen wir weiterhin großen Handlungsbedarf. Es braucht verstärkte gemeinsame Anstrengungen von Stadt und Trägern, um gute Arbeitsbedingungen zu sichern und Fachkräfte langfristig für Tübingen zu gewinnen und zu binden.“
Neben den strukturellen Fragen macht die Befragung auch die Ausmaße der Belastung vieler Familien sichtbar: Rund 70 Prozent der Eltern berichten von Stress oder psychischer Belastung durch unzureichende Betreuungszeiten, insbesondere bei der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit.
„Diese Zahlen zeigen auch, wie realitätsfern die aktuelle Debatte über angebliche ‚Lifestyle-Teilzeit‘ vieler Eltern ist. Wenn verlässliche Betreuung fehlt, ist Teilzeit häufig keine freie Entscheidung, sondern eine notwendige Anpassung. Eine leistungsfähige und verlässliche Kindertagesbetreuung ist deshalb nicht nur Bildungs- und Familienpolitik, sondern auch eine zentrale Voraussetzung für Erwerbsbeteiligung, wirtschaftliche Stabilität von Familien und für eine funktionierende gesellschaftliche Teilhabe“, so der GEB Kitas.
Trotz der herausfordernden Rahmenbedingungen sind 62 Prozent der befragten Eltern mit der Betreuungssituation zufrieden. Besonders hoch ist die Zufriedenheit bei Familien, die bereits einen umfassenden Betreuungsumfang nutzen. Dies wertet die Stadtverwaltung als Bestätigung der hohen pädagogischen Qualität, die die Fachkräfte in den Einrichtungen täglich leisten.
Beim Anmeldeverfahren kristallisierten sich zwei klare Wünsche der Eltern heraus: Eine stärkere Berücksichtigung von Geschwisterkindern bei der Platzvergabe sowie eine Priorisierung des Verbleibs in der gleichen Einrichtung beim Wechsel von der Krippe in den Kindergarten. „Diese Rückmeldung nehmen wir sehr ernst“, sagt Holger Chemnitz, Leiter des Fachbereichs Bildung, Betreuung, Jugend und Sport. „Wir prüfen, ob und wie wir diese Aspekte der Familienlogistik bei künftigen Vergabekriterien stärker gewichten können, um den Alltag der Eltern zu erleichtern.“
Die Stadtverwaltung wird die Ergebnisse nun im Detail in den städtischen Gremien diskutieren. „Unser oberstes Ziel bleibt Verlässlichkeit“, sagt Sozialbürgermeisterin Dr. Schäfer-Vogel abschließend. „Wir kommunizieren offen, was möglich ist und was nicht, um Eltern Planungssicherheit zu geben.“